Offener Brief

an einen Redaktor des Zweiten Deutschen Fernsehens

24. März 2011


Sehr geehrter Herr ...,

ich danke Ihnen sehr für Ihre ausführliche Antwort vom 2. September 2009 auf meine Kritik bzgl. der Berichterstattung über Missionare in Frontal21. Ich schreibe Ihnen mit Verspätung zurück, weil ich durch eine schwere Krebstherapie gegangen bin – in der Zwischenzeit geht es mir aber wieder gut. Falls Sie mein Bericht darüber interessiert: www.solymosi.com/Krebs.

Obwohl Sie mir in den meisten meiner Kritikpunkte nicht zustimmen, lässt mich Ihre Auseinandersetzung mit ihnen hoffen, dass mein Schreiben nicht völlig spurlos am ZDF vorbeigegangen ist. Diese Hoffnung motiviert mich, Ihnen jetzt meine allgemeinere Sorge auszubreiten.

Ich bin der Meinung, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland seinem Auftrag und seinen Möglichkeiten nicht gerecht wird. Dies gilt weniger für die kulturelle als vielmehr für die politische und gesellschaftliche Gestaltung unseres Landes. Der Grund hierfür ist die – aus meiner Sicht – einseitig ideologisch motivierte Prägung der Darstellungen. Mein letztes Schreiben über Missionsarbeit ist nur eine kleine Projektion davon.

Ich nehme einen enormen Einfluss des öffentlichen Fernsehens auf das Paradigma in unserer Gesellschaft wahr: Ihre Redakteure können Wahlen gewinnen und Kriege verlieren lassen, Persönlichkeiten stürzen, ganzen Wirtschaftszweigen zum Erfolg verhelfen, Geistesströmungen salonfähig machen oder dis­kreditieren. Die Medien verkörpern eine enorme Macht, mit der eine enorme Verantwortung einhergeht – mehr als die Politik. In unserer Kultur besitzt vielleicht nur noch Geld eine größere Macht als das Fernsehen.

Ich sehe, dass im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen diese Macht Idealen dient, die ich mit Ihnen teile: einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft. Gleichzeitig merke ich aber, dass ein ideologisch motivierter Missbrauch (zwar innerhalb des breiten Spektrums dieser Ideale) dieser Macht gegen diese Ideale wirkt und langfristig zur Destabilisierung unserer Gesellschaft führen kann. Ich werde gleich konkreter.

Weil im deutschen Fernsehen (ZDF und ARD gleichermaßen) so offensichtlich einseitig zu einzelnen politischen und gesellschaftlichen Themen Stellung genommen wird, führt dies (zumindest in einigen Schichten der Bevölkerung) zum Vertrauensverlust in die Allgemeinheit. Man spricht ja von Politikverdrossenheit. Aber auch wachsendes Misstrauen gegenüber Medizin (konkret auch Ärzten), Bildung (als Hochschullehrer erfahre ich das am eigenen Leibe), den Ordnungskräften (Polizei, Justiz, Verwaltung) und dem ganzen gesellschaftlichen System („soziale Ungerechtigkeiten“) sind einzelne Symptome hierfür.

Das Fernsehen stellt für die Meisten in unserer Kultur die Allgemeinheit am konkretesten wahrnehmbar dar (auch wenn für die kommende Generation zunehmend das Internet diese Rolle übernimmt). Ich merke aber an mir selbst, wie mein Vertrauen in die Objektivität Ihrer Berichterstattung sinkt. Beispielsweise weil Sie so eindeutig Partei für die Demokratiebewegungen in der arabischen Welt ergreifen, stelle ich mir schon die Frage, was Sie mir verschweigen und warum wohl die diktatorischen Regime so lange und so gut funktioniert haben. Von einem anderen Beispiel, vom ungarischen Mediengesetz weiß ich (durch die Nachrichten aus meinem ehemaligen Heimatland) mehr: Die Deutschen erfuhren nur die (linke) Hälfte der Wahrheit, zusammen mit einigen (möglicherweise auf Irrtümern oder Fehlinterpretationen ruhenden) Unwahrheiten: Die erste Heute-Sendung darüber behauptete zum Beispiel, es enthielte die Möglichkeit zur Zensur – in der nächsten Sendung wurde diese Klausel (ohne Selbstkorrektur jedoch) gestrichen. Wer CNN schaut, merkt noch mehr von den Ungereimtheiten der deutschen Darstellungen. Ihre Berichte über Berlusconi können einen (ähnlich Selbstdenkenden wie mich) meinen lassen, er sei der größte lebende europäische Politiker. Ähnliche Eindrücke können auch von Lukaschenko oder Kim Jong-il entstehen – nur weil die Berichterstattung so eindeutig einseitig und parteiergreifend ist. Werden dadurch Menschen nicht Sympathie auch für Le Pen, die ungarische Jobbik-Partei oder die maoistische Revolution empfinden? Oder egal was, nur nicht für das, was ihnen täglich ins Wohnzimmer transportiert wird.

Ich könnte eine lange Liste aufstellen, für welche Ideologien im ernstzunehmenden Fernsehen täglich vehement geworben wird: Bionahrung und Anti-Atomkraft, Mündigkeit des Bürgers und Feminismus, östliche Religionen und Patchworkfamilien, leistungsunabhängig(er)e Güterverteilung und Entmachtung der Mächtigen (außer den Medien, natürlich). Die große Masse mag mitschwimmen und sich beeinflussen lassen; aber diejenigen, die fähig sind, unsere Gesellschaft künftig zu gestalten, koppeln sich ab, fangen an, frei(er) zu denken und suchen sich andere Ideologien aus, möglicherweise keine verfassungsmäßigen. Das langfristige Ergebnis dieser Auseinanderentwicklung ist nicht vorhersagbar, steht aber kaum im Interesse unserer Gesellschaft und unseres Landes.

Ich bin der Meinung, dass die aus öffentlichen Geldern (bald aus Zwangsgebühren) finanzierten Medien ein breiteres Spektrum der (tatsächlichen) öffentlichen Meinung abdecken sollten und sich von einseitigen Stellungnahmen zurückhalten sollen. Das kritisierte ungarische Mediengesetz wollte (erfolglos) Ausgewogenheit erzwingen, was durch Regelungen nicht möglich ist. Es ist möglich nur durch Einsicht, Verantwortungsbewusstsein, Übertreten der Grenzen des eigenen Denkens und Bemühung, die Andersdenkenden zu verstehen und ihre Argumentation nachvollzuziehen. Ein gutes Negativbeispiel für das Letztere sind die evangelikalen Christen in der erwähnten Frontal21-Sendung, für die dort überhaupt kein Verständnis angestrebt wurde. Wenn Sie einem breiteren Spektrum von Auffassungen Raum geben würden, dann würden Sie eine breitere Zustimmung Ihrem eigentlichen Auftrag, der Förderung des freiheitlich-demokratischen Paradigmas einfahren. Ihren (noch) vorhandenen Einfluss, Ihre Möglichkeiten hierfür sollten Sie besser nutzen.

Falls Sie meine Ausführungen an interessierte Stellen beim ZDF weiterleiten wollen, bin ich Ihnen dankbar.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und grüße Sie freundlich


Bis dato leider keine Antwort erhalten

Home page