Ich lese Joseph und seine Brüder
von Thomas Mann das zweite Mal nach 20 Jahren wieder. Schon ein ziemliches
Unterfangen, mit gut 2000 Seiten zwei dicke Bände. Ich sitze dran schon seit
zwei Monaten, aber schreite täglich nur 2-3 Kapitel vorwärts, um es auszukosten
und zu verdauen. Ich habe angenehme Erinnerungen an es, deswegen habe ich es
auch das zweite Mal in die Hand genommen, aber dass es so gut ist, das wusste
ich nicht mehr. Wirklich, jeder Satz ist ein extra Genuss. Schade, dass Bücher
für mich heilig sind und ich die besten Gedanken nicht angestrichen habe, dann
könnte ich in Zukunft zitieren oder darauf Bezug nehmen.
Am vertrautesten sind für mich die biblischen Beschreibungen:
Jakobs Geschichten und
Der junge Joseph. Der Autor muss tief
recherchiert haben, oder aber kennt das Umfeld so gut, dass das, was ich aus der
Thora (den Mose-Büchern) kenne, völlig konsistent durch seine Beschreibungen
ergänzt und bereichert wird. Er nimmt sich natürlich die künstlerische Freiheit,
Geschichten und Personen hin- und herzuschieben, aber die Kultur, die Denkweise
der Menschen, die orientalische Welt ist völlig plausibel und glaubhaft.
Wo er dann die ägyptische Lebensweise, Religion und Geschichte
auseinandernimmt und aufbaut, ist es nicht mehr so vertraut (höchstens, wenn
Mika Waltaris Sinuhe durchscheint) und da muss ich ihm
glauben, dass er sich darin ähnlich gut auskennt. Stellenweise ist es hier etwas
langweilig, wird aber durch die bekannte und mit Phantasie bereicherte
Geschichte immer wieder aufgelockert.
Auffällig ist in dem Ganzen sein Gottesbild. Thomas Mann scheint ein implizit
bekennender Atheist zu sein. Das heißt, er sagt das nirgendswo, aber seine
Argumentation und Erklärungen sprechen dafür. Offenbar ist sein Denken von der (heute
nicht mehr so aktuellen) Bultmannschen Theologie geprägt, die keine Existenz
Gottes voraussetzt, um die Phänomene des Glaubens zu erklären. Dies kommt auch
in seinen anderen Romanen, z.B. in Das
Gesetz zum Vorschein. Das Lustige ist aber, dass der Autor sich immer ein
kleines Türchen offen lässt. Die Dinge sind so und so, das wissen wir, erklärt
er, aber vielleicht doch nicht ganz – scheint es immer wieder durch und er
berichtet über Wunder, erfüllte Verheißungen, Einsichten und Erfahrungen, die
von seiner Theologie doch nicht gedeckt werden. Meine Vermutung, dass ganz viele
bekennende Gottesleugner wohl so ähnlich denken: Oberflächlich haben sie für
alles eine rationelle Erklärung, aber tief in ihrem Herzen gibt es eine Ahnung,
dass die Dinge vielleicht doch nicht so einfach liegen. Nur halt Thomas Mann
lässt es auch durchscheinen.
Besonders deutlich ist dies in der Gottesbeziehung, die er Joseph in den Mund
legt. Es wundert mich immer wieder, woher wohl ein Nichtgläubiger so tiefe
Einsichten und Erkenntnisse über das Wesen Gottes erworben hat, wie ich Ihn
kenne. Er beschreibt so ausführlich und tiefsinnig die Motivation Josephs, aus
seiner Beziehung mit Gott heraus so und nicht anders zu handeln, dass es mir scheint, er müsste das selber so erlebt haben. Oder aus irgendwelcher sehr
authentischen Quelle muss er ganz viel verstanden haben.
Meine Vermutung ist, dass die Quelle wohl seine Frau sein könnte. Sie war ja
bekanntlich jüdisch. Und wenn gläubig, dann muss sie diese Gottesbeziehung
gekannt haben. In der Christenheit hat dieser Ansatz auch erst in den letzten
fünfzig Jahren eine breite Basis gewonnen, nachdem (vielleicht auch durch das
Holocaust-Trauma und die Gründung des Staates Israels) sich immer mehr Christen
dem Volk Gottes zuwenden, aus ihrer Frömmigkeit lernen und sich selbst als
jüdisch-christlich verstehen. Seitdem entstehen immer mehr messianisch-jüdische
Gemeinden und gläubige Rabbis nehmen einen entscheidenden Einfluss auf das
Gottesverständnis eines breiten Teils der Christenheit. Auch meine
Gottesbeziehung wurde durch Berührungen mit ihnen immer wieder modifiziert – und
zwar in die Richtung, die Thomas Mann in seinem Protagonisten beschreibt. Selbst
seine (völlig unreligiöse) Toleranz den ägyptischen Gotteskulten gegenüber, in
denen er immer wieder die Offenbarung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs
entdeckt, kann ich gut nachempfinden.
Thomas Mann ist ein erstaunlicher Autor. Joseph und seine Brüder soll
freilich nicht das erste Buch sein, das man von ihm liest. Zum Warmwerden
beginnt man am besten mit seinen Novellen:
Herr und Hund,
Eisenbahnunglück oder
Der kleine Herr Friedemann – diese
sind leicht zu lesen und enthalten schon ein Stück von der Art, wie er tiefe und
bedeutsame Gedanken zum Ausdruck bringt. Dadurch bekommt man Lust auf
Die Betrogene,
Die Erwählte und
Die Buddenbrooks, selbst wenn das
Letztere deutlich dicker ist. Diese lesen sich leicht, aber man entdeckt, dass
sie nicht flach sind. Eine Motivation zu den Buddenbrooks könnte auch die Verfilmung
sein, allerdings viel eher die klassische mit Liselotte Pulver als die neue.
Irgendwann nach Tod in Venedig und
Joseph und seine Brüder kommt
Der Zauberberg, der ereignisloseste
Roman der Weltgeschichte, mit dem ich aber am Abend lesend nicht aufhören konnte.
Den Höhepunkt habe ich aber im Doktor
Faustus erreicht, der allerdings eine echte Herausforderung ist – gar kein
Roman, eher ein sehr langes Essay. Während man
sich bei Joseph und seine Brüder nur
durch
die ersten hundert Seiten („Höllenfahrt“) durchkauen muss, liest sich danach die
Geschichte selber, hört dieses Gefühl der harten Arbeit beim
Doktor Faustus bis zum Schluss nicht
auf. Es ist wie moderne Musik, von der der Roman ja handelt (er erstand aus der
Freundschaft zwischen Thomas Mann und Arnold Schönberg). Es heißt, wir hören
solche Musik nicht, um sie zu genießen, sondern um unseren Geist zu bilden. So
ist es auch mit dem Buch. Es gelesen zu haben verändert einen. Man hat
verstanden, warum es wertvoll ist, unseren Geist zu bilden. Man fängt an,
Honegger und Strawinsky (und so Doktor
Faustus auch) genießen zu können.